Siegfried Lenz: Der Überläufer

Romane aus dem Nachlass herauszugeben, ist oft ein zweischneidiges Schwert. In den meisten Fällen wollte der Künstler oder seine Familie das Erscheinen des Werkes aus gutem Grunde verhindern. Doch bei Siegfried Lenz lag der Fall anders.

Sein Verlag Hoffmann und Campe weigerte sich 1952 seinen Roman über einen Wehrmachtssoldaten, der zur Roten Armee überlief, zu veröffentlichen. Der Lektor sah die Zeit nicht reif für ein solches Thema und Siegfried Lenz akzeptierte dieses Urteil über sein zweites Buch, war aber gleichzeitig gradlinig genug, um eine starke thematische Überarbeitung des Stoffes abzulehnen. Zum Glück! Denn nur so konnte, wenn auch erst 65 Jahre nach seiner Niederschrift, "Der Überläufer" in seiner Originalfassung erscheinen.

Der Roman erzählt die Geschichte von Proska, einem Wehrmachtssoldaten wieder Willen aus Masuren. Er kämpft in Oberschlesien auf einem verlassenen Posten im Wald mit einigen wenigen Kameraden gegen eine Überzahl von Partisanen. Das Töten und Sterben im Namen des Führers und seiner Clique kommt ihm völlig sinn- und zweckfrei vor.

Als sich ihm die Gelegenheit bietet, zur Roten Armee überzulaufen, ergreift er diese. Im Auftrag der Roten Armee soll er sich am Kampf um sein Heimatdorf beteiligen und wird zum Mörder. Diese Schuld versucht er Jahre nach dem Krieg zu gestehen und zu bearbeiten. Das Verlassen und Abwenden von der Wehrmacht löst beim Protagonisten des Romans keine Schuldgefühle aus. Im Gegenteil. Obwohl er sich der Verbrechen des kommunistischen Nachkriegsregimes bewusst ist und am Ende auch vor dem Regime nach Westdeutschland flieht, steht er zu seiner Haltung. Egal, was aus dem Widerstand gegen die Wehrmacht in der Nachkriegszeit wurde, es musste aus Sicht des Protagonisten Widerstand geleistet werden.

Genau diese Haltung empfand der Lektor als zu provozierend für den zeitgenössischen Leser. Der Verrat an den eigenen Leuten war Anfang der 50er Jahre noch immer undenkbar und untragbar, obwohl die eigenen Leute im Dienst eines massenmörderischen Regimes gestanden hatten. Siegfried Lenz lässt Proskas Freund und Mit-Überläufer Wolfgang diesen Kritikern folgendes entgegenhalten: "Der untätige, der passive Pazifismus ist ein impotentes Gespenst. Wer nur immer sagt: Ich bin gegen den Krieg und es dabei bewenden läßt und nichts außerdem tut, damit der Krieg ausgerottet wird, der gehört ins politische Museum." Und wer handelt, lädt Schuld auf sich, die ihn ein Leben lang begleitet.

Ein unbedingt lesenswertes Nachkriegswerk.

Hoffmann und Campe ISBN 9783 455405705

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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