Slobodan Snajder: Die Reparatur der Welt

Jahrzehntelang wurde über die Geschichte der sogenannten „Volksdeutschen“ wenig geschrieben. Sie galten pauschal als Unterstützer Hitlers, als Faschisten, denen die Vertreibung aus Schlesien, Böhmen oder woher auch immer mehr oder weniger Recht geschah. Mit Slobodan Šnajders Roman „Die Reparatur der Welt“ liegt nun ein weiterer hoch spannender, differenzierter Roman zum Schicksal deutscher Auswanderer im 18. und vor allem im 20. Jahrhundert vor.

Ende des 18. Jahrhunderts herrscht im Schwabenland eine große Hungersnot. Georg Kempf, der „Urvater Kempf“, folgt daher den Werbern der österreichischen Kaiserin Maria Theresia nach Nuštar, einer kleinen Stadt, die heute in Kroatien nahe der serbischen Grenze liegt. Land und Familie Kempf sind fruchtbar und mehren sich. Es geht ihnen gut, bis im Jahr 1941 – 150 Jahre nach der Ankunft des Urvaters – die nächsten Werber durch den Ort ziehen: Dieses Mal sind es die deutschen Besatzer, die die „Volksdeutschen“ zum „freiwilligen“ Eintritt in die Waffen-SS zwingen wollen. Davon betroffen ist auch der junge Dichter Georg Kempf.

Wie alle jungen Menschen träumt Georg mehr von den Mädchen als von der Politik. Erst als er als Angehöriger der Waffen-SS in Polen eingesetzt wird und sich an Erschießungen von Zivilisten beteiligen soll, wacht er auf und wehrt sich auf seine Art. Er beginnt eine Odyssee durch Polen. Auf der Flucht trifft er polnische Helfer und Profiteure, Juden, Widerstandskämpfer und Soldaten der Roten Armee. Vor allem aber wächst er zum Menschen heran, der Fanatismus jeder Art ablehnt. Wie durch ein Wunder überlebt er und kann sogar in seine Heimat Nuštar zurückkehren.

Doch auch im sozialistischen Jugoslawien sitzt er weiter zwischen allen Stühlen, gehört nirgendwo dazu.

Die „Tikkun Olam“ – die Verbesserung oder wie es sein zeitweiliger Fluchtgefährte Mordechai im Buch nennt „Die Reparatur der Welt“ bleibt (vorerst) aus.

Ein unbedingt lesenswertes Buch! Wer sich für diesen Themenkreis interessiert, dem sei „Gerda. Das deutsche Mädchen“ der tschechischen Autorin Kateřina Tučková ans Herz gelegt.

Paul Zsolnay Verlag 2019, ISBN 9783552059405

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