Stefan Kurt Treiber: Helden oder Feiglinge? Deserteure der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg

Selten, viel zu selten schreibe ich an dieser Stelle über Sachbücher. In diesem Fall muss ich einfach auf das wissenschaftliche Werk von Stefan Kurt Treiber „Helden oder Feiglinge? Deserteure der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg“, erschienen im Campus Verlag, aufmerksam machen.

Traurig, dass ich im Zusammenhang mit einem wissenschaftlichen Werk auf die differenzierte Arbeit ausdrücklich hinweise. Denn eigentlich sollten Objektivität und vorsichtige Schlussfolgerungen zum Standardrepertoire von Wissenschaftlern gehören. In der Realität sieht das leider anders aus. Allzu oft verweben Autor:innen persönliche politische Einstellungen mit dem Untersuchungsgegenstand.

Das gilt insbesondere für so hoch politische und emotionale Themen wie den Zweiten Weltkrieg. Politisch und emotional für die Deserteure und ihre Zeitgenoss:inen, aber auch für ihre Analyst:innen im Nachkriegsdeutschland. Vielleicht kann man aber auch erst viele Jahrzehnte nach dem millionenfachen Schlachten etwas nüchterner auf das Thema Desertion schauen.

Knapp 1.000 dokumentierte Fälle von Fahnenflucht bzw. unerlaubtem Entfernen von Deserteuren des Feldheeres während des Feldzuges gegen die Sowjetunion hat Stefan Kurt Treiber untersucht. Mit seiner Analyse räumt er mit einigen Vorurteilen der Geschichtsschreibung auf. So ist keineswegs jeder Deserteur ein politischer Gegner der Wehrmacht oder von Adolf Hitler gewesen, ebenso wenig wie sie Feiglinge waren. Sehr unterschiedliche persönliche Motive führten – soweit rekonstruierbar – zu den versuchten und gelungenen Fluchten. Erstaunlicherweise fielen auch die Beurteilungen der Vorgesetzten sowie die Urteile der Richter sehr unterschiedlich und oft differenziert aus.

Wer mehr wissen will über das Durchschnittsalter, die Herkunft oder soziale Stellung der Deserteure, dem sei das Geschichtsbuch ans Herz gelegt.

Campus Verlag ISBN 9783593514260

 

 

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