Stefan Zweig: Buchmendel – Die unsichtbare Sammlung

Als Studentin liebte ich die Erzählungen von Stefan Zweig. Aber irgendwie sind mir seine Werke in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen. Dank des Topalian & Milani Verlages bin ich nun im Besitz eines hervorragend gestalteten Bandes mit zwei Novellen von Stefan Zweig. Der schmale Band lohnt sich nicht nur wegen seiner fabelhaften Gestaltung. Es sind die zeitlosen Geschichten eines großen Sprachkünstlers, die schlicht ergreifend sind.

Im Mittelpunkt der ersten Erzählung "Die unsichtbare Sammlung" steht ein Berliner Antiquar und einer seiner treuesten Sammler. Die Geschäfte des Antiquars laufen kurz nach dem Ende des 1. Weltkrieges schleppend an. Viele Kunden haben sich in den Kriegsjahren zurückgezogen. Andere suchen nach dem Krieg verzweifelt hochwertige Ware, um ihre Kriegsgewinne anzulegen. Warum also nicht einen der treuesten Sammler in der sächsischen Provinz aufsuchen? Doch in der Stube des betagten Sammlers erfährt der Antiquar, dass der Herr mittlerweile erblindet ist. Die Familie hat die Sammlung längst verkauft, um die im Krieg galoppierenden Lebensmittelpreise bezahlen zu können. Der Antiquar behält das Geheimnis für sich und bewundert gemeinsam mit dem Blinden dessen Sammlung. Die Wahrheit um jeden Preis hätte die Familie zerstört.

"Buchmendel", die zweite Erzählung, spielt in Wien. Hier wird die Geschichte eines außergewöhnlichen aus Russland stammenden „fliegenden“ Buchhändlers erzählt, der von allen Buchmendel genannt wird. Seit Jahrzehnten sitzt er Tag für Tag in einem Wiener Café und kauft und verkauft besondere Bücher. Er ist so vertieft in die Welt der Bücher, dass er den 1. Weltkrieg und seine Begleiterscheinungen kaum wahrnimmt. Bis die Polizei seinen Ausweis sehen will. Er hat auch nach Jahrzehnten keinen Österreichischen Pass und wird deshalb als feindlicher Ausländer interniert. Nach zwei Jahren Haft ist er gebrochen und kann seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, sodass er Hausverbot in seinem Café erhält und einsam stirbt.

Mitmenschlichkeit ist Stefan Zweigs großes Thema. Er selbst konnte die grassierende Unmenschlichkeit in den 40er Jahren nicht mehr ertragen und beging Selbstmord. Möge seine Stimme heute gehört werden.

Die Neuauflage von Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung wurde von den Zeichnern Joachim Brandenberg und Florian L. Arnold illustriert.

Topalian & Milani Verlag ISBN 9783946423058

Veröffentlicht unter Belletristik, Österreich

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