Szcepan Twardoch: Morphin

Wer bin ich? Pole, Deutscher? Muttersohn, Vatersohn, Hurensohn? Versager, Verräter, Held? Ehemann, Freund, Betrüger? Ich bin Konstanty Willemann. Mit diesem Satz versucht sich der Held des Romans "Morphin" immer wieder selber zu definieren und damit seinen Platz im Leben zu finden.

Wo aber kann ein junger Lebemann mit polnischer Mutter und deutschen Vater im Herbst 1939 in Warschau seinen Platz finden?

Konstanty ist dreißig Jahre alt. Sein Vater ist ein deutscher Adliger und Offizier, der im 1. Weltkrieg so schwer verletzt wurde, dass seine Frau ihn verstieß. Sie zieht den Sohn alleine auf und zwingt ihm ihre polnische Identität auf. Kaum marschiert die Wehrmacht 1939 durch die Straßen Warschaus, bekennt sich Konstantys Mutter umgehend zum Deutschtum und bietet den deutschen Besatzern ihre Mitarbeit an.

Konstanty, dessen Leben bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges aus einem einzigen Rausch aus Morphin, Alkohol und Frauen bestand, wird als Offizier der polnischen Armee eingezogen. Nach der Kapitulation Polens findet er sich im vom Krieg stark gezeichneten Warschau wieder. Seine Frau und sein kleiner Sohn erwarten ihn als beschützenden Ehemann und Vater, aber auch als polnischen Patrioten, zurück. Auch sein Freundeskreis sieht in ihm den Polen, der im Untergrund das gemeinsame Vaterland vertreten wird. Gleichzeitig versucht seine polnische Mutter ihn auf die deutsche Seite zu ziehen, während sein deutscher Vater die Untergrundarbeit seines Sohnes für die polnische Geheimarmee unterstützt.

Zwischen all diesen Erwartungshaltungen seiner Umgebung und seiner selbst schwankt Konstanty wie ein Grashalm im Wind. Sucht den Rausch mithilfe von Drogen und Frauen und stolpert zwischen Heldenhaftigkeit und Verrat hin und her. Am Ende scheint er die Konturen des einen echten Konstanty Willemann zu erkennen und endlich auch annehmen zu können.

Das Buch liest sich wie ein Rausch. Man spürt die tödlichen Abgründe in jeder Zeile, fühlt mit dem kaputten Helden und verzeiht ihm jede Wendung. Das Buch ist stilistisch gekonnt an das Thema und seine Zeit angepasst.

Dem polnischen Schriftsteller Szcepan Twardoch ist mit "Morphin" ein großer Wurf gelungen.

Rowohlt Berlin Verlag, ISBN 9783871347795

Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Polen

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