Szczepan Twardoch: Der Boxer

Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch schafft es immer wieder, über ganz unterschiedliche Themen und Zeiten zu schreiben. Ein seltenes Talent, denn jedes seiner Werke zeichnet sich durch Kenntnisreichtum, Tiefgang und einen jeweils passenden Sprachstil aus. Vor allem aber brilliert der Autor jedes Mal mit einem unerwarteten, erzählerischen Kniff.

Die Geschichte des Boxers beginnt im Warschau der 20iger und 30iger Jahre. Der jüdische Teenager Mojzesz Bernstein folgt der Einladung des Boxers Jakub Shapiro, sich seinen Kampf anzuschauen. Mojzesz ist fasziniert von dem Boxhelden. Eine Faszination, die noch dadurch gesteigert weird, dass Jakub zusätzlich für den polnischen Paten Warschaus arbeitet. Mit seinen geschulten Fäusten ist er der ideale "Cleaner". Auch Mojzeszs Vater wurde von Jakub im Auftrag des Paten ermordet.

Warum wird ein jüdischer Boxheld zur rechten Hand eines polnischen Paten? Wie stand es um die jüdisch-christlichen Beziehungen im Vorkriegspolen? Wie verschieden lebte die große jüdische Gemeinde in Warschau?

Der Roman erzählt nicht nur das Leben und Leiden des Boxers und Gangsters Jakub, sondern der unterschiedlichen jüdischen Gruppen und ihren Glaubenskampf um Gott, das Heilige Land oder das Vaterland Polen. Das Buch führt tief in die polnische Geschichte der Vorkriegszeit, zeigt die politische Gemengelage, den permanenten Antisemitismus und den aufsteigenden Faschismus, lange bevor Adolf Hitler mit seinen Truppen einmarschierte.

Wer sind wir? An welches unserer "ichs" erinnern wir uns? Diese Fragen beantwortet der Roman natürlich nicht abschließend, aber literarisch spannend.

Der Boxer ist eine durch und durch faszinierende Lektüre voller menschlicher Wärme, philosophischer Fragen und historischer Anspielungen.

Rowohlt Verlag ISBN 9783737100083

Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Polen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest