Szczepan Twardoch: Drach

Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch erzählt in seinem neuen Roman "Drach" die Geschichte der schlesischen Familie Magnor von Anfang des 20. bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Das klingt zunächst alles andere als spektakulär. Doch die Erzählweise macht den Roman zu einer Besonderheit.

Zum einen ist der Erzähler niemand geringeres als die Erde. Alles, was ober- oder unterhalb der Erdoberfläche geschieht, nimmt die Erde wahr. Ihre Wahrnehmungen gibt sie über den Roman an uns Leser weiter.

Zum anderen wechseln Person, Zeit und Ort der Erzählung beständig. Eben noch verfolgt man als Leser das Schicksal von Josef in den Schützengräben des 1. Weltkrieges an der Westfront. Einen Absatz weiter kämpft der Urenkel Nikodem ein erfolgreicher Architekt mit seinen Gefühlen gegenüber der Geliebten, seiner zukünftigen Ex-Frau und seiner kleinen Tochter im Hier und Heute. Wieder einen Absatz weiter dreht sich die Geschichte um Josefs Sohn Ernst und dessen Frau Gela zur Zeit des 2. Weltkrieges. 

Der ganze Roman gleicht einem wilden Ritt durch das Jahrhundert. Neben der erzählerischen Meisterleistung überzeugt das Buch auch durch die Vielfalt des vermittelten Wissens über das Schicksal der Bewohner Schlesiens an der Bruchkante von deutscher und polnischer Sprache, Kultur und Nation.

Nach "Morphin" ist das schon der zweite Roman des polnischen Autors, der mich begeistert.

Rowohlt Verlag ISBN 9783644121416

Getagged mit: , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Polen, Schlesien
5 Kommentare auf “Szczepan Twardoch: Drach
  1. Silvia sagt:

    Da hast du mal wieder einen interessanten Buchtipp ausgegraben. Die Familie meines Vaters stammt aus Schlesien. Deshalb ist es für mich interessant. Undank diese ungewöhnliche Perspektive. Sehr spannend.

  2. Uwe Rennicke sagt:

    Manchmal gelingt es einem doch: Man „schlage“ einen noch unbekannten Blog auf und finde eine sehr interessante Buchvorstellung. Vielen Dank.

  3. Sehr schön! Diesen Autor kannte ich noch gar nicht. Eine spannende Entdeckung am Sonntagmorgen!
    Dir einen entspannten Lesesonntag und liebe Grüße
    Susanne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest