Szilard Borbély: Die Mittellosen

Eine verstörende und leider auch verstummte Stimme aus Ungarn: Szilard Borbély. In seinem 2014 bei Suhrkamp erschienenen Roman „Die Mittellosen“ verarbeitete er die eigenen Kindheitserfahrungen in einem ungarischen Dorf an der Grenze zu Rumänien und Ungarn in den 70er-Jahren. Wie geht die kleine Dorfgemeinschaft mit den Zugezogenen, ob Rumänen oder Juden, in den Jahrzehnten nach der Shoah um? Welchen Einfluss hat das Verhalten der Dorfbewohner auf Familien, die verdächtigt werden, einer der Minderheiten anzugehören? Einen verheerenden!

Der elfjährige Protagonist des Romans wächst in einer Außenseiter-Familie auf. Die Eltern seiner Mutter stammen aus Rumänien, zumindest aus dem Rumänien der Nachkriegsordnung. Was sie verdächtig macht in den Augen der Mehrheitsgesellschaft im kleinen Grenzort. Noch verdächtiger ist ihr Mann. Er war vor der Shoah der Shabbesgoi im Hause des jüdischen Händlers Mószi. Ist Mószi der biologische Vater seines Vaters? Zumindest erhebt die Familie mit Unterstützung des gesamten Dorfes diesen Vorwurf, als der offizielle Großvater stirbt. So brauchen sie den Vater des Jungen nicht am Erbe zu beteiligen. Und Mószi? Er ist der einzige Überlebende seiner Familie und dennoch ins Dorf zurückgekehrt. Der gebrochene Mann wird still geduldet, sein baldiger Tod erhofft.

Der Vater des Jungen wird seiner Außenseiterrolle auch durch seine politischen Reden gerecht. Impulsiv wie er ist, äußert er in der LPG Kritik an den Zuständen. Die Folge: Er wird entlassen und findet im Dorf auch keine weitere Arbeit. Das führt nicht nur zu einer doppelten Isolation. Es erhöht auch den finanziellen Druck auf die Familie. Waren sie bisher arm, hungern sie jetzt Tag für Tag. Der Junge und seine Schwester versuchen ihren Eltern so gut es geht zu helfen. Gleichzeitig machen ihnen beide große Angst. Der Vater rutscht für eine Zeit in den Alkoholismus ab und die Mutter fällt nach dem Tod des jüngsten Sohnes in eine schwere Depression.

Letztlich führt die Arbeitslosigkeit zum Befreiungsschlag. Der Vater findet eine Arbeit ein paar Dörfer weiter, die Familie zieht um und entkommt zumindest den täglichen Anfeindungen.

Im wahren Leben studierte der "Junge vom Dorf" nach seinem Wehrdienst Ungarische Sprache und Literatur. Er arbeitete als Dozent an der Universität in Debrecen und als Übersetzer. Szilard Borbély wählte im Februar 2014 den Freitod.

Suhrkamp Verlag Berlin ISBN 9783518739143

Getagged mit: , , , , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Ungarn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest