Tahar Ben Jelloun: Der Islam, der uns Angst macht

Bereits im letzten April, drei Monate nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt in Paris, erschien der Essayband „Der Islam, der uns Angst macht“ von Tahar Ben Jelloun auf Deutsch. Seither schlummerte das E-Book auf meinem Reader. Immer wieder kamen großartige, erhellende, aber auch langweilige Bücher dazwischen. Erst nach der Pariser Anschlagsserie am 13. November, war ich wieder motiviert, das schmale Bändchen zu lesen.

Der aus Marokko stammende französische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten literarischen Stimmen Europas. Er ist in beiden Kulturen – der säkularen französischen und der muslimisch-arabischen – zu Hause. Wer also könnte mir mehr über die Hintergründe des islamistischen Terrors im Herzen Europas auf den Weg geben? Und vor allem, wer könnte beide Seiten beleuchten, ohne einseitig Schuld zuzuweisen?

Tatsächlich wurden meine Erwartungen, trotz aller inhaltlicher Redundanzen, erfüllt. Tahar Ben Jelloun legt den Finger in die Wunde der europäischen Mehrheitsgesellschaft und geht hart ins Gericht mit den muslimischen Gemeinden innerhalb der europäischen Grenzen.

Seine Thesen:

Bis heute würde die Mehrheit der Muslime das Prinzip der Gedankenfreiheit – seinen Glauben oder Nichtglauben privat zu leben und sich nicht öffentlich zum Einen oder Anderen bekennen zu müssen – nicht akzeptieren. Diese Gedankenfreiheit, die unmittelbar mit der Trennung von Religion und Staat zusammenhängt, wäre aber Basis für die Toleranz und das Miteinander aller Glaubensrichtungen und Lebensweisen in Europa. In keinem Land Europas sei die Laizität so konsequent umgesetzt worden wie in Frankreich. „Keine Laizität, das heißt keine Kritik, kein Zweifel, kein Widerspruch.... Das heißt auch, dass die Muslime sich verwundbar fühlen“, schreibt der Autor. Auch die zweite Säule europäischer Kultur, die Gleichberechtigung der Frau auf allen Ebenen, würde mehrheitlich in den muslimischen Gemeinschaften nicht umgesetzt. Aber das erklärt noch nicht den Schritt vom gläubigen Muslim zum Islamisten.

Hier käme, so Tahar Ben Jelloun, die europäische Mehrheitsgesellschaft ins Spiel. „Das Problem sei erst mit dem Aufkommen der sogenannten zweiten Generation aufgetaucht, also der Generation ihrer Kinder. Sie sind in Europa geboren und aufgewachsen und haben europäische Pässe. Sie sind in einer kulturellen Leere aufgewachsen“, so Tahar Ben Jelloun. „Die Arbeitslosenquote dort beträgt 45 Prozent... . Manche fühlen sich nicht als vollwertige Franzosen, haben sich abgewandt und im Islam mehr als Trost, mehr als eine Antwort auf ihre Existenzängste gefunden, eine Identität.“

Diese Wunden der Erniedrigung durch Europäer würden bis in die Zeit der Kolonialisierung zurückreichen. Bis heute seien die Beziehungen zwischen den ehemaligen europäischen Kolonialmächten und den Neubürgern nicht befriedet. Die Scheinheiligkeit, mit der die europäischen Demokratien Diktaturen in Afrika und Asien unterstützen würden, sobald es wirtschaftliche Vorteile gäbe, würde den Unfrieden noch schüren.

Hinzu käme der Nahostkonflikt, den die Muslime, zu Unrecht oder zu Recht, wie Tahar Ben Jelloun betont, als Unrecht erleben würden. Sie verspürten „jedes Mal hilflose Wut, wenn die europäischen Länder systematisch Israel verteidigen“. Die französischen Behörden seien sich des wachsenden Antisemitismus sehr bewusst, würden aber leider nicht erkennen, dass „die französischen Muslime, von allem, was in Palästina geschieht, sehr betroffen sind. Das nicht zu erkennen, bedeute, den Graben zwischen den nordafrikanischen Einwanderern und Frankreich zu vertiefen.“

Fazit: Die Muslime in Europa müssten ihre Lebensweise stärker an das westliche Denken anpassen. Gleichzeitig sollten sich die westlichen Gesellschaften nicht von der Angst vor dem Islam lähmen lassen, sondern auf die muslimische Minderheit eingehen, indem sie Bildung und Kultur in die Gemeinden hineintrügen.

„Wir können die Islamophobie nur bekämpfen, wenn wir die Ignoranz auf beiden Seiten angehen. Es gibt keinen Kampf der Kulturen, es gibt nur einen Kampf der Ignoranzen, und dieser Kampf ist furchtbar, denn er produziert Unglück, Kriege und Rassismus“, erklärt der Schriftsteller.

Tahar Ben Jellouns Analysen aus dem Frühjahr diesen Jahres sind im Herbst ebenso überzeugend. Nur leider gehen sie im aktuellen globalen Kriegsgetrommel unter.

Berlin Verlag, ISBN 9783827078285

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Veröffentlicht unter Belletristik, Frankreich

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