Thomas Lang: Immer nach Hause

Hermann Hesse gehörte zu den Ikonen meiner Jugend. Ob Unterm Rad, Damian, Glasperlenspiel oder Steppenwolf – bis heute sind mir seine Romane und Erzählungen unvergesslich. Aber welcher Mensch, Ehemann und Vater verbarg sich hinter dem berühmten Schriftsteller? Diesen Fragen geht Thomas Lang in seinem Roman „Immer nach Hause“ nach.

Im Mittelpunkt des Romans steht das junge Paar Hermann Hesse und Maria Bernoulli. 1903 beichtet Hermann Hesse seinem strengen Vater, einem evangelischen Missionar, seine Liebe zu der neun Jahre älteren Fotografin Maria Bernoulli. Im Jahr darauf, 1904, heiratet das Paar und beschließt aufs Land zu ziehen.

Zwischen Selbstversorgung und -bestimmung brechen alsbald Konflikte aus. Herman Hesse wird im Roman als Künstler beschrieben, der sich ganz und gar auf sein Schaffen konzentrieren will. Die Arbeit und Emsigkeit, die das Bewirtschaften eines Hofes mit sich bringt, überfordert ihn. Ebenso fühlt er sich vom Lärm der drei gemeinsamen Söhne belästigt. Zudem stört ihn zunehmend die Abgeschiedenheit des Dorfes. Außerdem fühlt er sich nicht genügend von seiner Frau beachtet, die ihre Karriere als Fotografin aufgegeben hat und in der Führung von Hof und Familie ganz aufzugehen scheint. Die harte Arbeit, ihr Einsamkeitsgefühl und das fortschreitende Alter nagen aber auch an ihr und ihrer Liebe zu Hermann, der immer öfter auf Reisen geht. Das Paar zieht noch vor Ausbruch des ersten Weltkrieges nach Bern. Doch auch die Stadt kann die Ehe nicht mehr retten.

Einerseits erzählt Thomas Lang eine zeitlose Geschichte von zwei Menschen, die sich sehr zugetan sind, sich aber dennoch unweigerlich voneinander entfernen. Was ist Glück? Kinder? Bücher? Materieller Erfolg? Jeder findet für sich eine Antwort darauf. Eine gemeinsame gibt es nicht.

Andererseits führt uns der Autor zurück in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Er erlaubt uns Begegnungen mit den verschiedenen alternativen Utopien, mit denen auch Hermann Hesse in Berührung kam und die sich in seinen Romanen und Novellen wiederfinden.

"Immer nach Hause" ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte für all diejenigen, die sich gerne mit deutschsprachiger Literaturgeschichte beschäftigen. Der Rest, fürchte ich, wird sich bei der doch eher behäbigen Erzählweise streckenweise langweilen.

Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH ISBN 9783827078988

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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