Tijan Sila: Tierchen Unlimited

"Ich floh nackt und blutend auf einem Rennrad", so beginnt der Roman "Tierchen Unlimited" von Tijan Sila. Ein vielversprechender Anfang. Zumal die Erzählung über einen jungen Mann, der als Kind mit seinen Eltern aus der bosnischen Heimat nach Deutschland ausgewandert ist, in dem Tempo weiter geht.

Irgendwo im ländlichen Südwesten Deutschlands radelt also ein junger Mann auf einsamen Landstraßen und versucht sich vor dem Neonazibruder seiner Freundin in Sicherheit zu bringen.

In Rückblenden schildert der Ich-Erzähler seine Erinnerungen an die alte Heimat, berichtet von seinen Freundschaften, der Schule und dem gesellschaftlichen Gefüge in der Zeit vor und während des Krieges. Seine Eltern verfügen beide über eine akademische Ausbildung und einen entsprechenden Status.

Vom Krieg zermürbt erhoffen sie sich eine bessere Zukunft in Deutschland. Doch in Deutschland können sie nicht an ihre Karrieren in Bosnien anknüpfen und setzen alle Hoffnungen auf den intelligenten Sohn.

Der Sohn aber verweigert sich den Erwartungen seiner Familie. Er rebelliert, gelangt nur über Umwege zum Abitur und dem von den Eltern ersehnten Studienplatz. Sein Studium finanziert er zudem mit Einbrüchen und immer wieder gerät er in körperliche Auseinandersetzungen mit Neonazis.

Der Ton des Romans ist witzig und leichtfüssig. Fast könnte es ein schelmischer Abenteurroman sein. Doch hinter der leichten Fassade lauern die Traumata des Kriegskindes. Die Rückblenden sind überaus schmerzhaft zu lesen, gerade weil sie von Bombenteppichen und dem Hunger der isolierten Bürger in einem Ton erzählen, als ob der Krieg so selbstverständlich wäre wie Händewaschen nach dem Klogang.

In dem Berg von "Flüchtlings"-Literatur ragt das Buch mit seinem unaufgeregten Ton wohltuend raus.

Kiepenheuer & Witsch ISBN 9873462050264

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Veröffentlicht unter Belletristik, Bosnien und Herzegowina, Deutschland

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