Tommy Wieringa: Dies sind die Namen

Wie jedes Jahr verführt der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse dazu, literarische Landschaften neu zu entdecken oder unbekannte Winkel auszuleuchten. Der niederländische Autor Tommy Wieringa gehört zu den Autoren des Ehrengastes Niederlande und Flandern, über dessen Entdeckung ich mich ganz besonders freue. Sein im Herbst auf Deutsch erschienenes Werk „Dies sind die Namen“ schildert zwei Geschichten, die unweigerlich aufeinander zusteuern.

Im Mittelpunkt des einen Erzählstrangs steht Pontus Beck, Polizeichef einer osteuropäischen Kleinstadt etwa 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion und ihrer Vormachtstellung in Mittel- und Osteuropa. Korruption beherrscht alle Ebenen der städtischen und staatlichen Institutionen. Pontius Beck bedient sich zwar auch, hat aber zumindest in Teilen noch ein Gewissen, ein Anstandsgefühl. Darin unterscheidet er sich von den meisten seiner Mitmenschen sehr deutlich. Als ein Rabbiner stirbt, fühlt er sich für dessen jüdische Beerdigung verantwortlich. Er treibt den letzten in der Stadt lebenden Juden, ebenfalls Rabbiner, auf. Aus dem ersten Kontakt entspinnt sich eine tiefe Beziehung. Pontus wird sich seiner jüdischen Wurzeln bewusst und setzt sich mit der jüdischen Geschichte und den Glaubensregeln auseinander. Zur jüdischen Geschichte gehört natürlich der Auszug aus Ägypten: 40 Jahre lang ziehen die vor der Sklaverei geflohenen Juden durch die Wüste, bevor sie in das gelobte Land ziehen dürfen. Nach manch Irrungen und Wirrungen des Glaubens hält das auserwählte Volk doch seinen Propheten die Treue und wird mit dem gelobten Land belohnt.

Parallel beschreibt Tommy Wieringa die Flucht von anfangs 13, 14 oder 15 Menschen (so genau weiß das niemand), die von Schleppern betrogen wurden und irgendwo im Nirgendwo ohne Nahrung und Wasser ausgesetzt werden. Die Schilderung ihres Leidensweges über Monate ist kaum zu ertragen, aber so fesselnd erzählt, dass man als Leser dennoch immer weiter ihren Spuren folgt. Drei Männer, eine Frau und ein Junge tauchen schließlich mitten im Winter bei Minus 20 Grad in der Stadt von Pontus Beck auf. Für den ersten Polizisten, der die Flüchtenden trifft, sehen sie aus wie „Juden aus den Lagern“. Tatsächlich weist die Geschichte der Flüchtenden zumindest in den Augen von Pontus Beck einige Parallelen mit dem Auszug aus Ägypten auf. Er reagiert mit Empathie auf das Erscheinen der Flüchtlingsgruppe. Vor allem der Junge hat es ihm angetan. Für ihn versucht er, eine Zukunft zu bauen.

Schon wieder ein Buch über Flüchtende, mag der eine oder andere denken. Doch Tommy Wieringa bringt in diesem bereits 2012 auf Niederländisch veröffentlichten Buch neue Gedanken ein, die sich lohnen zu erlesen. Interessant ist unter anderem seine Beschreibung der Grenzabsicherung. Wurden die Grenzen bis 1989 auf den östlichen Seiten mit Schusswaffen bewacht, droht heute das Szenario auf den westlichen Grenzseiten.

Carl Hanser Verlag ISBN 9783446254220

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Veröffentlicht unter Belletristik, Niederlande
2 Kommentare auf “Tommy Wieringa: Dies sind die Namen
  1. Mageia sagt:

    Was ist ein Flüchtender? Werden auch die Gründe aufgerollt, warum sie ihre Flucht angetreten haben?

    • Ruth Justen sagt:

      Flüchtender ist nur ein anderes Wort für Flüchtling wie Studierender für Student. Die Fluchtgründe spielen in dem Buch kaum eine Rolle. Es geht um die Flucht selber, den Weg durch die unbekannten Weiten, ohne Kenntnisse von Land, Leuten, Sprachen, ohne sichere Nahrungsquelle und medizinische Versorgung.

1 Pings/Trackbacks für "Tommy Wieringa: Dies sind die Namen"
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