Ukraine aus der Sicht zweier Autoren: Marina B. Neubert und Serhij Zadan

Der Krieg in der Ostukraine konnte die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit nur kurz erwecken. Seit dem Februar 2014 dauert der bewaffnete Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sowie zwischen selbsternannten Milizen, die die eine oder andere Seite unterstützen, an. Ab und zu findet der Krieg doch noch einen Nachhall in der bundesdeutschen Berichterstattung. Zum Beispiel, wenn einer der wichtigsten ukrainischen Schriftsteller wie Serhij Zadan einen Roman über den Konflikt veröffentlicht.

Serhij Zadans Roman "Internat" schildert drei Tage im Leben des Lehrers Pascha. Pascha ist Lehrer für Ukrainisch. Er interessiert sich nicht für Politik und glaubt daher, dass die Politik sich auch nicht für ihn interessiert. Erst als sein alter Vater ihn bittet, den 13-jährigen Neffen aus dem in Friedenszeiten nahe gelegenen Internat nach Hause zu holen, begreift der junge Mann, dass sich Politik und Militär nicht darum scheren, ob du dich für sie interessiert. Als Pascha sich naiv mit einem Taxi in Richtung Internat auf den Weg macht, beginnt der Alptraum, der in der Ostukraine seit nunmehr vier Jahren Realität ist. Von Straße zu Straße, von Viertel zu Viertel und von Brücke zu Brücke wechseln ständig die Machthaber. Vor der einen Miliz musst du Todesangst haben, weil du Russe bist. Die anderen ermorden dich, weil du Ukrainer bist. Und die Geschosse, die von allen Seiten in Häusern, Gärten, Autos oder Straßen einschlagen, töten und verstümmeln alle, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Drei Tage lang begegnet Pascha Mitmenschen bei ihrem minütlichen Kampf ums Überleben. Schnell wird dem Leser klar, dass der Konflikt in der Ostukraine dennoch nur ein Sinnbild des Autors für die Sinnlosigkeit egal welchen Krieges ist. Die Narben, die hier in Körper und Seelen eingebrannt werden, sind unauslöschbar und werden auch in den kommenden Generationen schmerzen.

Wie sehr sich die Schmerzen der psychischen und physischen Gewalt auch auf die kommende Generation auswirken, zeigt auch mein zweiter "ukrainischer" Roman der Woche. Martina B. Neubert begleitet in ihrem Buch "Kaddish für Babuschka" eine Enkelin, die in Berlin lebt, zur Beerdigung ihrer Großmutter nach Lemberg in die Ukraine. Großmutter und Mutter hatten einst als einzige der Familie die Shoa überlebt. Die Mutter wurde eine bekannte Opernsängerin und hat für ihre Karriere die Tochter bei der Großmutter gelassen. Dennoch oder gerade deshalb ging die Enkelin als junge Frau nach Berlin und hat ihre Großmutter erst zwanzig Jahre später, zu ihrer Beerdigung, wieder "besucht". Zweierlei arbeitet die Autorin heraus: Die starke Beschädigung der Opferfamilien, die große Schuld, die die Überlebenden empfinden, sowie die geradezu fesselnden Familienbande und die Sehnsucht nach etwas, das man als "Normalität" empfindet. Was aber ist normal? Die Autorin wirft aber auch einen Blick auf die heutige ukrainische Gesellschaft: ihre Blindheit gegenüber ihrer eigenen Beteiligung an den Naziverbrechen, ihren Antisemitismus angesichts eines nahezu judenfreien Landes und ihren Russenhass. Obwohl Lemberg vom aktuellen Krieg gänzlich verschont ist - der tobt in der Ostukraine.

Literarisch ansprechender finde ich Zerhij Zadans Roman. Martina B. Neubert überfrachtet ihr Manuskript durch den Roman im Roman zu sehr. Dennoch bin ich froh, beide Bücher gelesen zu haben. Schließlich habe ich in nur einer Woche tiefe Einblicke in drei Generationen eines uns benachbarten Landes bekommen.

Marina B. Neubert: Kaddish für Babuschka, AvivA Verlag, ISBN 9783932338700

Zerhij Zadan: Das Internat, Suhrkamp Verlag Berlin, ISBN 9783518757185

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