Ursula Krechel: Landgericht

Und sie funktionieren doch: Die Buchpreise und die PR drumherum verlocken selbst erfahrene Leser zum Kauf des einen oder anderen Buches. In diesem Jahr hat mich der Deutsche Buchpreis auf den Roman "Landgericht" von Ursula Krechel aufmerksam gemacht und zum Erwerb verführt. Das Thema, die Rückkehr eines jüdischen Richters ins Nachkriegsdeutschland, schien vielversprechend. Doch leider enttäuschte mich das Buch ausgerechnet auf der literarischen Ebene.

Eine Frau und ein Mann stehen am Abgrund. Claire ist Deutsche und findet sich nicht nur im zertrümmerten Nachkriegsdeutschland wieder, sondern auch in den Trümmern ihrer beruflichen Existenz und ihrer Familie. Richard konnte noch fliehen und wartet in Kuba auf ein Zeichen von seiner in Deutschland gebliebenen nichtjüdischen Ehefrau. Über das Rote Kreuz finden sie sich wieder. Richard beschließt als Richter nach Deutschland zurückzukehren und den Wiederaufbau der Demokratie zu unterstützen.

Beide träumen davon, ihre Familie zu vereinen. Die Kinder konnten mit einem der letzten Transporte nach England verschifft und so gerettet werden. Doch an eine Wiedervereinigung der Familie und ein "Happy End" ist nicht zu denken. Die Kinder haben nach einer langjährigen Odyssee durch britische Pflegefamilien endlich ein Zuhause jenseits ihrer Eltern gefunden. Zu groß ist die Sollbruchstelle zwischen Kindern und Eltern, zwischen Mann und Frau, zwischen den jüdischen Opfern und den deutschen Tätern in der Nachkriegsordnung, um eine heile Familie und eine ordentliche Karriere aufzubauen.

Ursula Krechel greift in ihrem preisgekrönten Roman "Landgericht" dieses wenig beleuchtete Geschichtskapitel auf. Eindringlich berichtet sie von dem Alltag in Mitten der Trümmer, vom Überleben in Nazi-Deutschland, von den Schwierigkeiten im Exil in Kuba und in England. Sie schildert die zerstörten Hoffnungen, Lebensentwürfe und Familien. Selbst für die geretteten Kinder gibt es keine "normale" Zukunft. Das Trauma ist zu tief, die Verletzungen zu groß, um optimistisch ein neues Leben aufzubauen, sei es in England oder Deutschland.

Ein politisch wertvolles Buch, das literarisch zumindest mich nicht überzeugt. Es gibt starke und fesselnde Stellen, aber ebenso langatmige die Bürokratie lang und breit zitierende Passagen, die den Leser unnötig ermüden.

Jung und Jung ISBN 9783990270240

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Großbritannien, Kuba
Ein Kommentar auf “Ursula Krechel: Landgericht
  1. Mara Giese sagt:

    Liebe Ruth,

    danke für diese interessante Besprechung eines Buches, das bei mir auch schon länger auf der Wunschliste steht. Die Meinungen, die ich bisher darüber gehört habe, sind ganz unterschiedlich und ich fürchte, ich komme nicht drum rum, das Buch selbst zu lesen und mir eine Meinung zu bilden. Im Moment schreckt mich jedoch noch ein bisschen der horrende Preis ab.

    viele Grüße
    Mara

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