Uwe Timm: Ikarien

Die "Stunde Null" nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Michael Hansen - ein deutschstämmiger US-amerikanischer Offizier soll im Auftrag der US-Armee die Hintergründe und Netzwerke des 1940 verstorbenen Eugenetikers Alfred Ploetz recherchieren. Wie wurde aus dem Sozialrevolutionär der Verfechter der "Rassenhygiene" und Wegbereiter des Mordapparates der Nationalsozialisten? Dieser Frage geht der Protagonist des Romans "Ikarien" von Uwe Timm nach. Eine Frage, die angesichts der wirren und populären Reden von Politikern und Bürgern in ganz Europa aktueller nicht sein könnte.

Uwe Timm nähert sich der historischen Figur Alfred Ploetz über einen erfundenen Weggefährten, den 80-jährigen Wagner, mit dem Michael Hansen ab Ende April 1945 eine Reihe von Gesprächen führt. In den Interviews erzählt Wagner von den gemeinsamen Studienjahren Ende des 19. Jahrhunderts und ihren Ideen von einer Gesellschaft, in der alle Ungleichheiten beseitigt sind.

Voller Enthusiasmus besuchen die beiden Anfang des 20. Jahrhunderts die Kommune "Ikarien" in den USA, die auf dem Konzept des Franzosen Étienne Cabet beruhte. Von dieser Reise kehren sie desillusioniert zurück. Zu offensichtlich regiert auch unter den Gleichen das Ego der Einzelnen.

In den folgenden Jahren trennen sich die ideologischen Wege der beiden Freunde. Alfred Ploetz hängt immer mehr der Idee an, dass Menschen nur gleich sein können, wenn sie auch körperlich ein harmonisches Bild abgeben - quasi eine Gleichheit in Schönheit ergeben.

Von dieser Idee ist es nicht weit, den "gleichen" Menschen zu züchten und Menschen, die diesem Idealbild nicht entsprechen, zu töten. Schwups hat man mit der "Rassenhygiene" eine scheinbar wissenschaftliche Grundlage für die Ermordung körperlich oder geistig abweichender Menschen: Die Massentötung Behinderter, Kranker oder anderer Völker und Glaubensgemeinschaften erhält damit aus Sicht der Nazis eine wissenschaftliche Legitimität.

Sein Weggefährte im Roman, Wagner, trifft eine andere Entscheidung. Er spricht sich entschieden gegen die Züchtung von Menschen aus und verbringt dafür auch einige Monate im KZ Dachau. Nach der Entlassung aus dem KZ versteckt er sich hinter Büchern in einem Antiquariat.

Der Roman ist kein leichter Soff. Ausführlich beschreibt Uwe Timm die Theorien der Sozialrevolutionäre und der Rassenhygiene. Hier und dort hätte er sich für meinen Geschmack ruhig etwas kürzer fassen können. Dennoch ist es ein unbedingt lesenswertes Buch, zumal wir uns erneut an einer Stunde Null befinden, an der wir alle entscheiden, ob uns der Schutz der menschlichen Vielfalt oder nur der Schutz des jeweils eigenen Hinterns am Herzen liegt.

Kiepenheuer & Witsch ISBN 9783462050486

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
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