Verena Lueken: Anderswo

Die Schriftstellerin Verena Lueken ist neun Jahre älter als ich. Wir sind eine Generation mit an Körper und Seele kriegsversehrten Eltern, die unter der Kälte und dem Schweigen derselben litt. Hatten wir Angst, sie mit Fragen zum Dritten Reich zu bestürmen? Waren wir desinteressiert, weil "ihre" Geschichte so weit weg zu sein schien von unserer Gegenwart? "Wir zogen die Grenzen zwischen den Schmerzen der Vergangenheit und den Versprechen der Zukunft. Als gäbe es keine Verbindung zwischen den beiden", schreibt Verena Lueken in ihrem jüngsten Roman "Anderswo". Meisterhaft erzählt die Autorin die Geschichte einer starken, selbstbestimmten Reisejournalistin mittleren Alters, die Jahrzehnte nach dem Tod ihres Vaters seinen und damit ihren (Familien-)Geheimnissen nachspürt.

Ihr Vater Friedrich wurde gegen Ende des 1. Weltkrieges als jüngster von fünf Söhnen in einem Pfarrershaushalt geboren. In den Dreißigerjahren wandten sich seine vier großen Brüder den Nazis zu. Nur Friedrich, obwohl er längst nicht mehr an Gott glaubte, blieb die Naziideologie fremd. Er musste als erster in den Krieg ziehen. Als Assistent des Feldfotografen wurde er bereits 1940 am Rücken schwer verletzt und blieb die nächsten Jahre gelähmt in den verschiedensten Lazarettbetten liegen. Die amerikanischen Ärzte in Kriegsgefangenschaft brachten ihn dann wieder auf die Beine. Eine riesige Narbe an seinem Rücken war alles, was von der Verletzung übrig blieb.

Selbst diese Hintergründe seiner Narbe erfuhr die Ich-Erzählerin des Romans erst lange nach seinem Tod. "Die Narbe war das Einzige, wonach sie ihn jemals gefragt hatte. Sie war eine Markierung auf seinem Körper, das faszinierte sie, weil es zeigte, er war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Es wäre also möglich, wenn sie den richtigen Dreh fände, Kontakt mit ihm aufzunehmen."

Dieser Kontakt kommt erst post mortum zu Stande, weil ihr Vater in ihrem Leben immer abwesend war, selbst wenn er körperlich anwesend war. Doch noch größer als diese Verletzung wog sein Befehl an seine Frau, das zweite Kind - die Erzählerin - abzutreiben. Die Weigerung der Mutter, die Abtreibung durchzuführen, war der Anfang vom Ende der Ehe. Kein Wunder, dass die Erzählerin nie heiraten wollte - auch nicht ihre große Liebe Claudio und keine eigenen Kinder bekommen wollte.

Erst mit Mitte 50 nach der Beerdigung des Vaters einer Jugendfreundin erinnert sie sich wieder an ihren Vater und beginnt sich für ihn zu interessieren. Wer war er hinter seiner kühlen Fassade? Was hat er ihr verschwiegen und warum liegen in dem Familiengrab nur vier der fünf Brüder? Wo ist sein Bruder Karl geblieben?

Ein paar Spuren kann sie folgen - ein paar Geheimnisse lüften. Vieles bleibt verborgen. Dennoch erfährt sie bei der Suche nach ihrem Vater genug über ihn und sich selbst, um ihr Leben wieder in die Balance zu bringen.

Verlag Kiepenheuer & Witsch ISBN 9783462051353

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
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