Yali Sobol: Die Hände des Pianisten

Wie viel Druck ist nötig, damit "anständige" Bürger ihre Angehörigen und Freunde verraten? Genau! Eine Prise Gewalt und ein oder zwei Prisen Androhung reichen aus, und wir nennen jeden Namen, um nur ja unser normales Leben fortzusetzen.

In seinem dritten Roman entwirft der israelische Autor Yali Sobol einen fiktionalen Staat, der gerade einen Krieg überstanden hat. Einen Krieg, der erstmals tiefe Wunden im Herzen des Landes - in Tel Aviv - geschlagen hat. Der Staat darf in solch einer Situation keine Schwäche zeigen, so lautet die Parole des Militärs. Deshalb gibt es in diesem fiktionalen Staat einen General als Regierungschef und die denkbar weitreichendsten Befugnisse für Militär und Polizei.

Künstler wie Journalisten, die eben den Krieg überstanden haben, und ihren Alltag zurückkehren wollen, begreifen nur allmählich, wie sehr sich die Staatsordnung verändert hat und wie sehr sie das bis ins Privateste betrifft.

Die neu gegründete Polizeieinheit "zur Verhinderung umstürzlicher Umtriebe und der Beschädigung von Werten des Staates und seiner Symbole", macht schnell auch dem letzten verträumten Freigeist klar, das Freiheit ein Begriff von Gestern ist.

Eindrucksvoll schildert der Roman, wie schnell wir alle, auch oder gerade die politisch Engagierten, die Seiten wechseln. Die einen werden zu Verrätern, um die eigene Haut zu retten, die anderen wollen einen geliebten Menschen schützen. Vertrauen haben am Ende nur die Folterknechte in sich und ihre "Kunst". Der Rest der Menschheit täte gut daran, nichts und niemanden mehr zu vertrauen. Das allerdings erinnert zu stark  und zu platt an die weltweit gängigen Verschwörungstheorien.

Verlag Antje Kunstmann, ISBN 9783888979262

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel

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