Yishai Sarid: Monster

Das Monster der Erinnerung und das Monster in uns - beides steckt im Titel "Monster" des neuesten auf Deutsch erschienenen Romans des israelischen Schriftstellers Yishai Sarid.

Als ich 1990 mein Studium der mittelalterlichen Geschichte und der jüdischen Religions- und Literaturwissenschaften abschloss, bot man mir ausschließlich Jobs im Bereich der Shoa-Forschung bzw. der Vermittlung der Shoa-Geschichte an. Denn nur in diesem Bereich der jüdischen Geschichte flossen in Deutschland damals nennenswerte Gelder. Ich lehnte es für mich ab, den Rest meines Arbeitslebens mit dem Thema zu verbringen und startete beruflich komplett neu.

Vielleicht liegt es daran, dass mir der Protagonist von Yishai Sarids Roman "Monster" gleich am Herzen lag. Denn der junge Historiker im Roman möchte nach seinem Geschichtsstudium gern in den diplomatischen Dienst gehen. Stattdessen eröffnet sich ihm einzig die Möglichkeit, eine Promotion zum Thema Shoa abzulegen. Als verantwortungsbewusster Freund und Vater zieht er den Broterwerb der Selbstverwirklichung vor.

Doch es bleibt nicht bei der Forschungsarbeit über die Unterschiede der Vernichtungslager der Nazis. Als Tour-Guide durch die KZs in Polen verdient er zusätzlich gutes Geld für die kleine Familie. Aber dadurch ist er die meiste Zeit in Polen fernab von Frau und Kind. Eine gewisse Entfremdung ist so vorprogrammiert.

Die Führungen von Politikern, Prominenten und Schulklassen führt dazu, dass sich alles in seinem Kopf, ja in seinem Leben, um den maschinellen Tod von Menschen dreht. Traum und Wirklichkeit scheinen zu verschwimmen.

Neben dem Monster der Erinnerung begegnet der Protagonist dem Monster in den Menschen von hier und heute: So trifft der junge Forscher Politiker und Künstler, die die Erinnerung an Millionen ermordeter Menschen für ihren eigenen Karrierestatus missbrauchen, aber auch vereinzelt Jugendliche, die sich von der fabrikmäßigen Tötung von Menschen fasziniert zeigen.

Können wir uns dem Sog des Bösen entziehen? Hilft Erinnerungsarbeit dabei? Und wenn ja, wie können wir an Verbrechen gegen die Menschlichkeit erinnern und wirklich aus ihnen lernen? Große und wichtige Fragen, die der israelische Autor nicht nur der Gesellschaft in seiner Heimat, sondern an uns alle auf nur 174 Seiten stellt.

Kein & Aber ISBN 9783036957968

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel
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