Yoram Kaniuk: 1948

Im Alter von 17 Jahren meldet sich Yoram Kaniuk 1948 freiwillig zur jüdischen Untergrundarmee Palmach. Seine grausigen Erlebnisse im Unabhängigkeitskrieg verschließt er tief und fest. Erst nach einer fast tödlich verlaufenden Erkrankung im hohen Alter spürt er das Bedürfnis, sein Schweigen zu brechen und schreibt seine Erinnerungen unter dem Titel "1948" auf.

Schonungslos gegenüber sich selbst, den jüdischen Mitkämpfern und den arabischen Gegnern schildert der Altmeister der israelischen Literatur die Kämpfe um Sein oder Nichtsein im damaligen Palästina. Der Autor beschreibt die unerfahrenen, kaum ausgebildeten jüdischen Träumer, die sich gegen die Angriffe der arabischen Nachbarn wehren. Die arabischen Kämpfer wiederum versuchen den Teilungsplan der UN und damit die Zweistaatenlösung in einen jüdischen und einen arabischen Teil zu verhindern.

Kaniuk geht hart ins Gericht mit sich selbst. Er räumt zudem mit den Mythen um die jüdische Untergrundarmee auf, indem er ihre Planlosigkeit und Inkompetenz, die vielen Menschen in den eigenen und den feindlichen Reihen das Leben gekostet hat, beschreibt. Er zeigt die Ignoranz gegenüber den arabischen Mitmenschen und deren Rechte und Ansprüche, zeichnet aber auch die Gräueltaten arabischer Kämpfer an jüdischen Bürgern auf.

Gleichzeitig beschreibt er die Verzweiflung der Shoa-Überlebenden, ihre Schuldgefühle gegenüber den in der Shoa ermordeten Familienangehörigen und Freunden. "Israel ist ein Totenstaat", heißt es bei Kaniuk. Und weiter: "Er wurde für Tote errichtet. Er erinnert stets daran, dass sie vielleicht nicht hätten sterben müssen, wenn wir ihn fünfzig Jahre früher gegründet hätten."

Warum stürzen sich Menschen, die gerade erst das Inferno eines Weltenbrandes überlebt haben, in den nächsten Krieg? Kaniuk erklärt es wie folgt: "Wir sollten eine neue, eigenständige, männliche jüdische Geschichte schaffen, damit wir nicht mehr auf Gedeih und Verderb der Geschichte anderer Nationen ausgeliefert wären, sollten dem gedemütigten, bis zu Ausrottung verfolgten Volk Ehre einbringen. Und so zogen wir denn aus, einen Staat zu gründen, gegen Chmielnicki und gegen die Kosaken und gegen die Deutschen, fanden aber nichts vor als Araber."

Zum Unabhängigkeitskrieg gehören auch die vielen arabischen Flüchtlinge. Voller Mitgefühl beschreibt der Autor den Auszug der ehemaligen Nachbarn aus ihren Häuser, Dörfern und Städten. In Ramla war er anwesend, als sich jüdische Familien das Eigentum der gerade erst geflüchteten arabischen Bevölkerung zu Eigen machten. Er schildert die Szene folgendermaßen: "Es sah aus, als wären Heuschrecken über die Stadt gekommen. Sie gingen nicht auf die leeren Häuser zu - sie stürzten sich darauf! Sie erstürmten sie hungrig, gierig, während die Eigentümer fern hinterm Zaun standen, sich sehnlich zurückwünschten oder vielleicht schon resigniert hatten und in langen Strömen ins Ungewisse zogen."

Kaniuk erwähnt auch, dass die Eroberer in der Mehrzahl die Shoa überlebt hatten. Sie haben überlebt, obwohl ihnen kaum jemand dabei geholfen hat. Ihnen und dem jüdischen Volk eine Heimat zu erstreiten war unerlässlich und die Pflicht der Staatengemeinschaft, die dies langsam aber sicher wieder zu vergessen scheint. Dabei ist neues, vielfaches Unrecht geschehen, dass wir bis heute nicht aufgearbeitet haben bzw. deren Opfern die Weltgemeinschaft bis heute keine dauerhafte Perspektive gegeben hat.

Kaniuk schreibt sich nicht nur seine Erinnerung an eine blutige Vergangenheit von der Seele, er versucht auch für eine unblutige Zukunft zu dichten. Er will sensibilisieren für die Bedürfnisse und Schmerzen beider Seiten. Dabei können wir ihm helfen.

Eine schmerzliche, aber umso lohnendere Lektüre.

 

Aufbau Verlag, ISBN 9783841205582

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel, Palästina

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