Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens

Nach Jahren des Schweigens hat Zeruya Shalev mit "Der Rest des Lebens" einen neuen Roman vorgelegt. Und das Warten hat sich gelohnt.

Drei Personen stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Mutter Chemda und ihre Kinder Dina und Avner. Chemda liegt im Sterben. Vom Pflegebett aus wandert sie durch ihr Leben. Ihre Eltern gehören zur Gründergeneration der Kibbuzim. Die Mutter selten anwesend, widmet sich dem Eintreiben von Geldern für die Kibbuzbewegung. Der Vater erzieht Chemda mit aller Härte und Strenge des Pioniers. Wärme und Anteilnahme sind Fremdwörter für Chemda. Entsprechend kühl wachsen ihre Kinder Dina und Avner auf. Erst auf ihrem Sterbebett gesteht sich Chemda ihre Einsamkeit im Kinderhaus und später in ihrer Ehe ein. Sie erkennt ihre Versäumnisse Dina und Avner gegenüber. Doch ihr bleiben nur wenige Augenblicke, die sie bei Bewusstsein ist, um ihren erwachsenen Kindern bei der Weichenstellung für deren Rest des Lebens zu helfen.

Denn erst der Rest von Chemdas Leben bringt die Geschwister auf die Idee, ihr eigenes Leben zu überdenken und neu zu gestalten. Avner und Dina sind beide verheiratet, haben Kinder, sind berufstätig und stehen für das bürgerliche Ideal von Glück und Zufriedenheit. Doch unter der Oberfläche ist alles andere als Zufriedenheit.

So sehnt sich Dina seit 16 Jahren nach dem im Mutterleib verstorbenen Zwillingsbruder ihrer Tochter. Sie wünscht sich nichts mehr als einen Sohn. Und da ihr Mann all die Jahre keine weiteren Kinder wollte, soll es nun ein Adoptivsohn sein. Das ist es, was sie vom Rest des Lebend erhofft, einem Kind all ihre Liebe zu geben. Und Avner ist als junger Mann geradezu in seine lieblose Ehe und damit in sein Unglück gestolpert. Er träumt davon, endlich eine Frau wirklich zu lieben und geliebt zu werden.

Doch Shalev kriecht nicht nur in diese drei Menschen hinein und legt ihre privaten Verletzungen und Sehnsüchte frei. Sie spürt auch den besonderen politischen Umständen Israels nach. Die Abschnitte zum Kibbuzleben klingen wie eine Abrechnung mit diesem Mythos. Einen Sohn aus dem Ausland zu adoptieren bedeutet für Israelis auch, ihn in ein Kriegsland zu bringen und für den Dienst in der Armee zu erziehen. Avner ist Menschenrechtsanwalt und streitet seit Jahrzehnten gegen Ausweisungen oder Beschlagnahmungen. Er kann zwar den einen oder anderen Erfolg verbuchen, doch seine Arbeit trägt selten Früchte für seine Mandanten. So zeichnet die Autorin ein Bild von einer Gesellschaft, die von Angst und Schrecken gelähmt und gefangen ist und sich gleichzeitig nach Liebe und Frieden sehnt.

Der Leser zittert bis zuletzt, ob Dina und Avner ihre Angst vor Veränderungen abstreifen können und den Mut für einen Neubeginn haben. Ob die israelische Gesellschaft es schafft, sich aus dem Kreislauf von Gewalt und Angst zu befreien, muss der Roman offen lassen.

Ich habe dieses Buch, wie auch seine Vorgänger, verschlungen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich auch in der Mitte des Lebens mit all seinen Fragen angekommen bin. Shalev ist erneut ein ungemein berührendes und vielschichtiges Werk gelungen. Allerdings war ich zwischendurch verunsichert, wie leicht Dina und Avner ihr altes Leben abzustreifen scheinen. Aber man soll ein Buch eben doch bis zum Ende lesen.

Berlin Verlag 2012, ISBN 9783827009890

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