Zeruya Shalev: Schmerz

Die israelische Autorin Zeruya Shalev ist berühmt für ihre Frauenfiguren. Auch ihr jüngstes Werk „Schmerz“ dreht sich um eine Frau und ihre Familie. Aber dieses Mal ist es eine Frau, die nicht nur an der Familienfront kämpft. Iris hadert auch mit den persönlichen und gesellschaftlichen Folgen der vielen von Kriegen und Terror geprägten Jahrzehnte.

Mir ihrer neuen Hauptfigur Iris porträtiert die Autorin eine moderne Frau von Mitte 40. Iris ist Schuldirektorin, Tochter einer demenziell erkrankten Mutter, selber Mutter zweier Kinder und Ehefrau. Soweit könnte der Roman in jeder europäischen Metropole spielen und hätte dennoch genug Stoff für schmerzhafte Geschichten.

Das Erlöschen der Mutter macht den Verlust des Vaters für die Kriegswaise Iris erst vollkommen. Die innerliche Entfernung vom Ehemann nach 22 Jahren Beziehung könnte kaum größer sein. Das Schuldgefühl gegenüber der 21-jährigen Tochter Alma ist riesig. Hat sich Iris doch immer mehr um den vermeintlich schwierigeren Sohn Omer gekümmert. Doch nun lebt Alma allein in Tel Aviv und scheint in ernsthaften Schwierigkeiten zu sein, während Omer in aller Ruhe die Schule abschließt und gelassen zur Armee gehen wird. Wird sie ihren Sohn an die Armee „verlieren“, wie sie ihren Vater 1973 im Jom Kippur Krieg „verlor“? Iris zweifelt an der Pflicht, zur Armee zu gehen und eine Generation nach der anderen Tod oder Verstümmelung zu bringen. Und sie spürt, dass die erwachsene Tochter im Moment nichts so sehr braucht, wie ihre Mutter. Denn Alma glaubt so wenig an sich selbst, dass sie sich ihrem Arbeitgeber und Lehrer fast komplett unterwirft.

Hinter diesen schon ausreichend schmerzhaften Geschichten lauern zwei Lebenstraumata. So beginnt der Roman mit dem zehnten Jahrestag des Attentats, das Iris knapp überlebt hatte. Der körperliche Schmerz ihres Platinbeckens und der geflickten Knochen ist pünktlich zum Jahrestag wieder da. Ihr Mann Micki begleitet sie zu einem der berühmtesten Schmerzspezialisten Israels. Dr. Rosen entpuppt sich als Iris Jugendliebe Eitan. Seine Nummer speichert sie in ihrem Telefon unter dem Namen „Schmerz“ ab.

Kann sie die Chance nutzen, „ihr Leben zu lieben, mit dem, was sie hat, und nicht mit dem, was sie nicht hat“ in der Familie und im Land?

Ich kann nur empfehlen, sich Iris Reise durch den Schmerz zu erlesen. Es ist naturgemäß eine stellenweise harte Lektüre. Aber es lohnt sich, wenn auch die eine oder andere Liebesszene recht lang geraten ist.

Berlin Verlag ISBN 9783827078476

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Veröffentlicht unter Allgemein, Belletristik, Israel

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